Forschungsprojekte

Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland

Das Projektziel richtet sich auf die Beschreibung und Erklärung gegenwärtiger Muster der Kulturpartizipation in Deutschland auf der Basis einer standardisierten Face-to-Face-Umfrage der deutschsprachigen Bevölkerung ab 15 Jahren. Gemeint sind damit der Konsum, die Rezeption und die nicht-professionelle Eigenproduktion von Erzeugnissen eines breiten Spektrums hoher und populärer Künste klassischer und neuerer Sparten, d.h. der bildenden Kunst, des Films, der darstellenden Kunst, Musik und Literatur sowie der Grenzbereiche zur angewandten Kunst und Unterhaltung. Im Gegensatz zu vielen anderen Ländern fehlen in Deutschland geeignete Daten, um darüber belastbare Aussagen zu machen. Die Studie möchte beantworten, warum sich die Menschen in ihren kulturellen Vorlieben und Aktivitäten unterscheiden, z.B. nach sozialer Schicht, Alter, Geschlecht, Migrationshintergrund und Region. Zentral dafür ist die Entwicklung eines Messinstrumentes zur kulturellen Bildung, die als Bestand von biographisch erworbenen kognitiven Kompetenzen und Handlungskompetenzen in künstlerischen Sparten aufgefasst wird. Angenommen wird, dass der Erwerb kultureller Bildung im Lebensverlauf die grundlegende Ausrichtung der kulturellen Vorlieben und Verhaltenspraktiken der Gegenwart bedingt. Das Projekt beansprucht, Basiswissen zur kulturellen Bildung und Kulturpartizipation für Wissenschaft, Politik und die kulturinteressierte Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Projektleitung: Prof. Dr. Gunnar Otte
Wissenschaftliche Mitarbeiter/in: Anna Forke, M.A.; Holger Lübbe, M.A.
Wissenschaftliche Hilfskräfte: Dave Balzer; Nina Wierczeiko
Projektdauer: 2016-2019
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung

Wichtigste Publikationen:
Gunnar Otte und David Binder (2015): Data Bases and Statistical Systems: Culture. In: James D. Wright (Hg.): International Encyclopedia of the Social and Behavioral Sciences. Second Edition. Amsterdam: Elsevier, 727-734.
Gunnar Otte (2012): Programmatik und Bestandsaufnahme einer empirisch-analytischen Kunstsoziologie. In: Sociologia Internationalis 50 (1-2): 115-143.
Jörg Rössel und Gunnar Otte (2010): Culture. In: German Data Forum (RatSWD) (Hg.): Building on Progress. Expanding the Research Infrastructure for the Social, Economic, and Behavioral Sciences. Volume 2. Opladen: Budrich Uni-Press, 1153-1172.

Qualitätskriterien professioneller Kritiker populärer Musik

Das Projekt untersucht den Prozess der Wertbildung und die dabei herangezogenen Kriterien der Qualitätsbeurteilung für Produkte künstlerischen Schaffens am Beispiel populärer Musik: Warum werden bestimmte Musiker und ihre Alben „heilig“ gesprochen und andere verrissen und wie werden solche Urteile diskursiv begründet? Besonders gut sichtbar werden solche Prozesse bei professionellen Kritikern. Im Kunstfeld nehmen sie eine vermittelnde Position zwischen Produzenten und Konsumenten ein: Sie treffen eine Vorselektion des kreativen Outputs und fällen ästhetische Urteile über die Qualität der ausgewählten Produkte. Interdisziplinär ist der Einfluss von Kritikern auf den Markterfolg vor allem für Film und Literatur untersucht worden. Kaum finden sich jedoch Studien zum Einfluss der Musikkritik. Zudem ist das Spektrum der zur Beurteilung künstlerischer Werke verwendeten Qualitätskriterien kaum umfassend untersucht worden.
Aufbauend auf der Pionierarbeit von Ralf von Appen wird im Forschungsprojekt ein Kategorienschema für die von professionellen Kritikern verwendeten Qualitätskriterien entwickelt und mit quantitativen Inhaltsanalysen auf Albumrezensionen in drei einflussreichen deutschen Musikzeitschriften – Rolling Stone, Spex und Intro – angewendet. Die Stichprobe von rund 950 Rezensionen der Jahre 1995 bis 2010 verknüpft die Kritikerurteile zudem mit objektiven Merkmalen der Musiker und der besprochenen Alben einerseits und mit ihrem Charterfolg andererseits.

Projektleitung: Prof. Dr. Gunnar Otte
Projektdauer: 2012-
Finanzierung: Philipps-Universität Marburg, Johannes Gutenberg-Universität Mainz

Comparing Social Space in Europe

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu hat vermutlich die heute einflussreichste Gesellschaftskonzeption vorgelegt. Eine seiner zentralen Behauptungen bezieht sich auf die spezifischen Zusammenhänge von sozialen Positionen und Lebensstilen. Sie kommen in seinem Modell des sozialen Raumes entlang der Dimensionen des Kapitalvolumens und der Kapitalstruktur sowie der entsprechenden sozialen Klassen zum Ausdruck. Bourdieu hat seine Theorie am Beispiel Frankreichs mit Daten aus den 1960er und -70er Jahren entwickelt und geht von einer Universalität des Modells in modernen Gesellschaften aus.
Seit einiger Zeit häufen sich in einer Vielzahl von Ländern empirische Untersuchungen, die sich an einer Reproduktion dieses Sozialraummodells versuchen. Ein Teil von ihnen kann wesentliche Züge der Konzeption Bourdieus reproduzieren, ein anderer Teil kommt zu abweichenden Ergebnissen. Es wäre allerdings voreilig, abweichende Befunde als Anzeichen sozialen Wandels oder länderspezifischer Sozialstrukturen zu interpretieren, da die erzielten Befunde von methodischen Entscheidungen abhängen können, die in den Studien z.T. unterschiedlich getroffen werden. Beim derzeitigen Stand der Forschung ist es unklar, ob Unterschiede in der Reproduzierbarkeit von Bourdieus Modell reale Ländervariationen bzw. historische Strukturdynamiken widerspiegeln oder lediglich methodische Artefakte sind.
In einem internationalen Projektzusammenhang werden empirisch prüfbare Hypothesen zu strukturellen, institutionellen und kulturellen Bedingungen entwickelt, aufgrund derer Gemeinsamkeiten bzw. Variationen des sozialen Raumes in europäischen Ländern erwartbar sind. In Ermangelung international harmonisiert erhobener und mit Bourdieus Konzepten kompatibler Daten zum Zusammenhang von Sozialstruktur und Lebensstilen ist es derzeit nur suboptimal möglich, diese Hypothesen ländervergleichend zu testen. Die Bemühungen der Projektpartner richten sich deshalb darauf, Sekundärdaten für eine komparative Überprüfung der Ungleichheitstheorie Bourdieus nutzbar zu machen.

Projektpartner: Harry Ganzeboom, Modesto Gayo, Dominique Joye, Tally Katz-Gerro, Yannick Lemel, Ineke Nagel, Sidonie Naulin, Gunnar Otte, Lennart Rosenlund, Jörg Rössel, Sebastian Weingartner
Projektdauer: 2011-
Finanzierung: Forschungseinrichtungen der Projektpartner

Entwicklung und Anwendung einer allgemeinen Lebensführungstypologie

Die Gliederung der Bevölkerung nach Lebensstilen bzw. Formen der Lebensführung versteht sich als Ergänzung zu klassischen Ansätzen der Sozialstrukturanalyse, die typischerweise auf vertikalen Ungleichheitsdimensionen und soziodemografischen Merkmalen aufbauen. Die Grundidee besteht darin, biographisch stabile und inhaltlich kohärente Muster der Alltagsorientierung der Menschen zu identifizieren und zur Erklärung ihrer Einstellungsbildung und Handlungswahl in konkreten Situationen einzusetzen. Die vor diesem Hintergrund entwickelte Typologie neun unterschiedlicher Arten der Lebensführung hat den Anspruch eines theoretisch fundierten, methodisch validen, intersubjektiv nachvollziehbaren und in standardisierten Bevölkerungsumfragen in diversen Anwendungsfeldern effizient einsetzbaren Messinstrumentes.
Die Typologie wurde zwischen 1998 und 2002 auf der Basis mehrerer lokaler Bevölkerungsumfragen entwickelt. Die theoretische und methodische Herleitung sowie die Anwendung auf mehrere Erklärungsgegenstände sind im Buch „Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen“ umfassend dokumentiert. In der Folgezeit ist das Instrument in verschiedenen Forschungszusammenhängen mit unterschiedlichen Populationen eingesetzt worden. Im Sinne des Wissenstransfers sind mehrere von Unternehmen, Statistikämtern und öffentlichen Einrichtungen durchgeführte Projekte mit methodischer Beratung und eigenen Datenauswertungen unterstützt worden.
Der bis heute laufende Projektzusammenhang kreist um die übergeordnete Frage, welche Leistungsfähigkeit Lebensstilansätze im Vergleich zu klassischen Sozialstrukturkonzepten haben. Derzeit wird über eine Aktualisierung und Weiterentwicklung der Lebensführungstypologie nachgedacht.

Projektleitung: Prof. Dr. Gunnar Otte
Projektdauer: 1998-2002; seitdem verschiedene Folgeprojekte
Finanzierung: Universität Mannheim

Wichtigste Publikationen:
Gunnar Otte (2011): Die Erklärungskraft von Lebensstil- und klassischen Sozialstrukturkonzepten. In: Jörg Rössel und Gunnar Otte (Hg.): Lebensstilforschung. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, Sonderheft 51: 361-398.
Gunnar Otte und Nina Baur (2008): Urbanism as a Way of Life? Räumliche Variationen der Lebensführung in Deutschland. In: Zeitschrift für Soziologie 37 (2): 93-116.
Gunnar Otte (2008): Sozialstrukturanalysen mit Lebensstilen. Eine Studie zur theoretischen und methodischen Neuorientierung der Lebensstilforschung. 2. Auflage. Wiesbaden: VS.
Gunnar Otte (2005): Entwicklung und Test einer integrativen Typologie der Lebensführung für die Bundesrepublik Deutschland. In: Zeitschrift für Soziologie 34: 442-467.

Soziale Hierarchien und symbolische Grenzziehungen in Jugendszenen

In diesem Forschungsprojekt zur Landschaft jugendlicher Musikszenen in der Stadt Leipzig werden Fragestellungen mehrerer Teilgebiete der Soziologie aufgegriffen. Als Kristallisationskerne solcher Szenen werden etwa ein Dutzend Clubs und Diskotheken in den Blick genommen, wobei nahezu das gesamte Spektrum aktuell relevanter jugendkultureller Musikgenres abgedeckt wird. Aus der Perspektive der Jugend- und Ungleichheitsforschung wird gefragt, wie stark Szenezugehörigkeiten durch traditionelle Merkmale sozialer Ungleichheit – Herkunftsklasse, Bildung, Geschlecht und Raumkategorien – strukturiert oder davon entkoppelt sind. Aus der Perspektive der Kultur- und Musiksoziologie wird der Versuch unternommen, Präferenzen für populäre Musikgenres und unterschiedliche Arten der Musikrezeption zu erklären und Prozesse symbolischer Grenzziehungen zwischen Publika nachzuzeichnen. Aus der Perspektive der Wirtschafts- und Organisationssoziologie wird untersucht, in welche Segmente ein lokaler Markt kultureller Dienstleistungsanbieter gegliedert ist, welche Publikumsvernetzungen dabei bestehen und nach welchen Mechanismen Angebot und Nachfrage zusammenkommen.
Zum Einsatz kommt ein Mixed-Methods-Ansatz, der standardisierte Befragungen von Szeneteilnehmern, Gruppendiskussionen mit Cliquen, Leitfadeninterviews mit Club- und Diskothekenbetreibern, teilnehmende Beobachtungen sowie Inhaltsanalysen von Szenemedien (Veranstaltungsmagazine, Flyer) umfasst. Als hierarchisierendes Organisationsprinzip von Musikszenen wird das szenespezifische Kapital betrachtet, das Jugendliche in Szenen einsetzen und akkumulieren. Als zentral erweisen sich dabei Formen des Musik- und Körperkapitals, die wiederum mit sozialstrukturellen Merkmalen auf der einen Seite und dem Besuchsverhalten auf der anderen Seite zusammenhängen. Auf diese Weise gelingt es, das soziale Geschehen in Clubs und Diskotheken sinnverstehend zu erklären.

Projektleitung: Prof. Dr. Gunnar Otte
Projektdauer: 2003-2009
Finanzierung: Universität Leipzig

Wichtigste Publikationen:
Gunnar Otte (im Erscheinen): Children of the Night. Soziale Hierarchien und symbolische Grenzziehungen in Clubs und Diskotheken. Wiesbaden: VS.
Gunnar Otte (2015): Die Publikumsstrukturierung eines Open-Air-Festivals für elektronische Musik. Sozialstruktur, Musikkapital und Besuchsmotive. In: Jörg Rössel und Jochen Roose (Hg.): Empirische Kultursoziologie. Wiesbaden: Springer VS, 27-64.
Gunnar Otte (2010): „Klassenkultur“ und „Individualisierung“ als soziologische Mythen? Ein Zeitvergleich des Musikgeschmacks Jugendlicher in Deutschland, 1955-2004. In: Peter A. Berger und Ronald Hitzler (Hg.): Individualisierungen. Ein Vierteljahrhundert „jenseits von Stand und Klasse“? Wiesbaden: VS, 73-95.
Gunnar Otte (2007): Körperkapital und Partnersuche in Clubs und Diskotheken. Eine ungleichheitstheoretische Perspektive. In: Diskurs Kindheits- und Jugendforschung 2 (2): 169-186.
Gunnar Otte (2007): Jugendkulturen zwischen Klassenästhetik und freier Geschmackswahl – das Beispiel der Leipziger Clubszene. In: Udo Göttlich, Renate Müller, Stefanie Rhein und Marc Calmbach (Hrsg.): Arbeit, Politik und Religion in Jugendkulturen. Weinheim: Juventa, 161-177.