Promotionsprojekte

Wohlfahrtsstaatlichkeit als Erklärungskonzept in ländervergleichenden Analysen sozialer Ungleichheit

Der Wohlfahrtsstaat ist ein zentraler Moderator sozialer Ungleichheiten und Risiken. Und so zählt die wohlfahrtstaatliche Ausrichtung in ländervergleichenden Analysen häufig zu den zentralen Einflussfaktoren auf der Ebene der Nationalstaaten. Die Operationalisierung folgt dabei meist einer von vier Strategien, die sich zum Teil deutlich voneinander abgrenzen. So finden sich erstens Analysen, die auf Einzelindikatoren – wie etwa den Anteil der Sozialausgaben – zurückgreifen. Die zweite Lösung besteht darin, eine Operationalisierung zu umgehen, indem Länder in Fallstudien direkt verglichen oder über Dummy-Variablen als rein geografische Referenz einbezogen werden. Der dritte Strang nutzt Typologien, die aus einer Klassifikation verschiedener Systeme sozialer Sicherung resultieren. Die vierte Operationalisierungsstrategie zieht schließlich Skalen oder Indizes hinzu, die beispielsweise das Ausmaß der Großzügigkeit wohlfahrtsstaatlicher Leistungen erfassen. Trotz der häufigen Verwendung der vier Strategien als unabhängige Variable, ist nicht abschließend geklärt ob sie überhaupt dazu geeignet sind, andere Phänomene zu erklären und welche Folgen verschiedene Varianten (auch innerhalb der gleichen Strategie) dabei für die Reichweite und Vergleichbarkeit der Ergebnisse haben.

Um Wohlfahrtsstaatlichkeit in komparativer Forschung mit erklärendem Anspruch besser nutzbar zu machen, werden die existierenden Operationalisierungsstrategien und ihre Anwendbarkeit als erklärende Variable im Rahmen der Dissertation systematisch geprüft. Aufbauend darauf wird ein eigener Vorschlag für eine zweckmäßigere Operationalisierung unterbreitet. Folgende Forschungsfragen werden dabei bearbeitet: (1) Was sind die Folgen verschiedener Herangehensweisen für Untersuchungsergebnisse und ihre Vergleichbarkeit? (2) Welche inhaltlichen Bestandteile benötigt eine Messung, die die gängigen Forschungsfragen gezielt modelliert und (3) leistet eine Operationalisierung, die explizit für eine Verwendung als Erklärungskonzept konzipiert ist, einen besseren Beitrag zur Überprüfung der zugrundeliegenden Kausalannahmen?

Mögliche Anwendungsbereiche des Instruments liegen sowohl in der Erklärung von Phänomenen auf Individualebene (bspw. als Prädiktor von Einstellungen zu sozialpolitischen Fragen) als auch auf Ebene der Nationalstaaten (bspw. als Erklärung für politische Entscheidungen).

Projektbearbeitung: Katharina Kunißen, M.A.
Projektbetreuung: Prof. Dr. Gunnar Otte

 

Wichtigste Publikationen:

Kunißen, Katharina (2018): From Dependent to Independent Variable: A Critical Assessment of Operationalisations of ‘Welfare Stateness’ as Macro-Level Indicators in Multilevel Analyses. Social Indicators Research (online first). DOI: https://doi.org/10.1007/s11205-018-1930-3.
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Kanonisierungsprozesse in der populären Musik

Das Dissertationsprojekt befasst sich mit der Rekonstruktion und Analyse von Kanonisierungsprozessen in Rock- und Popmusikmagazinen der vergangenen 50 Jahre. Im hochkulturellen Bereich der klassischen Musik sind verschiedenste Kanones bereits fest etabliert und reichen oft von Bach und Händel über Mozart und Beethoven zu Bruckner und Brahms. Diese Kanones manifestieren sich häufig in den Lehrplänen von (Musikhoch-)Schulen oder in den Spielplänen der Philharmonien. In der populären Musik hingegen werden Kanonisierungen an der Vielzahl an Rankings in Musikmagazinen mit den „besten“ Musiker/innen und Alben aller Zeiten sichtbar. Dabei stellen sich aus einer kultursoziologischen Perspektive drei wesentliche Fragen: Hat sich innerhalb der letzten 50 Jahre ein populärmusikalischer Kernkanon etabliert, der ausgewählte Musiker/innen und Alben für vorbildhaft und tradierenswert erklärt? Welche Akteure sind an diesen Auswahl- und Legitimationsprozessen beteiligt? Anhand welcher musikästhetischen und sozialen Kriterien werden die Musiker/innen bzw. Alben ausgewählt?

Vor diesem Hintergrund werden internationale Musikmagazine analysiert, die regelmäßig Reviews und Rankings zu den besten Alben eines vergangenen Jahres, Jahrzehnts und „aller Zeiten“ veröffentlicht und somit einen Beitrag zur Legitimation und Gültigkeit von populärmusikalischen Kanones geleistet haben. Dafür wird ein Mixed-Methods-Design entwickelt. Einerseits werden quantitativ die Rankings der Musik-magazine und die Merkmale der kanonisierten und nicht-kanonisierten Musiker/innen vergleichend analysiert. Anderseits werden qualitativ die diskursiven Auswahl- und Bewertungsstrategien der Journalistinnen und Journalisten rekonstruiert und interpretiert.

Projektbearbeiter: Dipl.-Soz. Matthias Lehmann
Projektbetreuung: Prof. Dr. Gunnar Otte

 

Wichtigste Publikationen:

Lehmann, Matthias (2015): Determinanten popmusikalischer Kanonisierungsprozesse. Eine quantitative Untersuchung von Einflussfaktoren auf die Bewertungspraxis in Jahresbestenlisten. In: SAMPLES – Online-Publikation der Gesellschaft für Popularmusikforschung (GfPM) Nr. 13/2015. → Link

 

Wie lässt sich kulturelle Bildung messen?

Kulturelle Bildung hat seit einigen Jahren Hochkonjunktur. Durch die mit dem "PISA-Schock" ausgelöste Reformwelle ist der Gedanke in das formale Bildungssystem geflossen. Maßnahmen zur kulturellen Bildung werden mit umfangreichen Mitteln gefördert. Entsprechend hat sich auch das wissenschaftliche Interesse an der Thematik gesteigert. Wie kulturelle Bildung empirisch gemessen werden kann, ist jedoch weitgehend ungeklärt. Die Dissertation leistet dazu einen Beirag. Im Rahmen einer im Jahr 2018 durchgeführten Bevölkerungsumfrage wird im Projekt "Kulturelle Bildung und Kulturpartizipation in Deutschland" am Beispiel der Sparten Bildende Kunst und Musik ein Instrument zur Erfassung kultureller Bildung theoretisch entwickelt und empirisch geprüft. Es orientiert sich an den Anforderungen der Kompetenzmessung, wie sie den PISA-Studien zu Grunde liegen, ohne den Anspruch zu erheben, das Konzept der kulturellen Bildung in allen Facetten abzubilden. Die Zielsetzung ist vielmehr auf die praktische Anwendung als Konzept für die Erklärung individueller Unterschiede in der Kulturrezeption in einzelnen Sparten gerichtet. Der Fokus auf Kompetenzen hat zwei Gründe. Zum einen sind Kompetenzen als zentrale Ergebnisse von Bildungsprozessen theoretisch und bildungspolitisch von besonderem Interesse. In bisherigen Studien liegt der Fokus meist allein auf den Input- und Kontextvariablen, etwa Orten und Gelegenheiten des Erwerbs kultureller Bildung, nicht jedoch auf den Outputs dieser Prozesse. Zum anderen knüpft sich an das Kompetenzkonzept das Interesse direkter Wirkungsnachweise. So werden im Diskurs um kulturelle Bildung eine Vielzahl an Heilsversprechen geäußert, zu denen es bisher kaum substanzielle empirische Antworten gibt. Unter Rückgriff auf Bourdieus Konzepte des Habitus und des inkorporierten Kulturkapitals versucht die Dissertation kultursoziologisch den Aneignungsweisen und Wirkungsmechanismen kultureller Bildung nachzugehen. Die Arbeit gliedert sich in zwei Teile: Theoretisch wird zunächst ein Kompetenzmodell entwickelt. Hierzu wird der interdisziplinäre Diskurs um kulturelle Bildung auf zentrale Konzepte, Ideen und Inhalte sowie auf bisherige Operationalisierungen untersucht. Empirisch wird sodann eine Kompetenzindikatorik entwickelt, intern entlang methodischer Gütekriterien validiert und extern im Hinblick auf seine empirische Erklärungskraft überprüft.

Projektbearbeitung: Holger Lübbe M.A.
Projektbetreuung: Prof. Dr. Gunnar Otte
Projektdauer: 2016 - 2019
Finanzierung: Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF)

 

Ursachen und Wandel familialer Armut in Deutschland, 1962 bis 2009.
Eine theoretische und empirische Analyse

Familien − obwohl laut Grundgesetz „unter dem besonderen Schutze der staatlichen Ordnung“ stehend − stellten bereits in den 1970er Jahren eine zentrale Risikogruppe der Armut dar. Seither ist der Anteil einkommensarmer Familien nahezu kontinuierlich angestiegen und verfestigt sich seit einigen Jahren auf einem überdurchschnittlichen Niveau. Obwohl die Erklärung solcher Prozesse zu den zentralen Aufgaben der Soziologie zählt, fehlt es bislang an systematischen Erklärungsversuchen und empirischen Analysen dieses Phänomens. Das (Dissertations-)Projekt hat zum Ziel, die Gründe für den Anstieg familialer Armut systematisch zu untersuchen. Dieses erfolgt unter Zugrundelegung eines theoretischen und empirischen Mehrebenenmodells, das das Einkommensarmutsrisiko von Familien, d.h. von Haushalten mit Kindern, als Funktion haushaltsbezogener (Mikro) und zeitabhängiger struktureller Faktoren (Makro) begreift. Zentrale Anknüpfungspunkte auf der Makroebene sind die ökonomischen, haushaltsdemografischen und politisch-institutionellen Wandlungsprozesse seit den 1970er Jahren − wie zunehmende Arbeitsmarktrisiken, der quantitative Anstieg seit jeher armutsgefährdeter Alleinerziehender, die Zunahme gut verdienender kinderloser Paarhaushalte und die Umgestaltungen familienpolitischer Leistungen. Die Hypothesen des Projekts werden auf Basis von um Makroindikatoren angereicherte Mikrozensusdaten überprüft, die für die Beantwortung der Forschungsfrage gut gerüstet, bislang aber noch ungenutzt sind.

Bisherige Ergebnisse der Studie zeigen, dass es weniger am Vorhandensein von Kindern als solches liegt, dass die relative Armut von Familienhaushalten seit den 1970er Jahren häufiger geworden ist, sondern der Anstieg vor allem auf die sich seit diesem Zeitpunkt polarisierende Komposition familialer und kinderloser Haushalte zurückgeht. Der Anstieg kinderloser Doppelverdienerhaushalte hat zudem dazu geführt, dass eine hohe Erwerbsintensität zur Armutsvermeidung wichtiger geworden ist, die jedoch gerade in Familienhaus-halten selten vorkommt und über die Zeit auch nicht angestiegen ist. Familienpolitische Leistungen, wie die erst seit einigen Jahren in Westdeutschland ausgebaute öffentliche Kinderbetreuung für unter 3-Jährige sowie das Kindergeld erweisen sich dabei auch als sozialpolitisch wirksam: Sie weisen deutlich armuts-reduzierende Effekte für Einelternfamilien auf, die seit den 1970er Jahren einen immer größeren Bereich des Familiensektors und eine immer zentralere Armutsrisikogruppe bilden.

Projektbearbeitung: Mara Boehle
Projektbetreuung: Prof. Dr. Christof Wolf (GESIS und Universität Mannheim) und Prof. Dr. Peter A. Berger (Universität Rostock)
Projektdauer: 2011 - 2015
Finanzierung: Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG)

 

Wichtigste Publikationen

Boehle, Mara (in Vorbereitung): Ursachen und Wandel familialer Armut in Deutschland, 1962 bis 2009. Eine theoretische und empirische Analyse. Dissertationsschrift wird als Monografie veröffentlicht.

Boehle, Mara. 2015. Armutsmessung mit dem Mikrozensus: Methodische Aspekte und Umsetzung für Querschnitts- und Trendanalysen. GESIS Papers 2015/16. Köln: GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften.
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Boehle, Mara und Wolfgang Voges (2013): Die Entwicklung familialer Armut im Kontext sozialstrukturellen Wandels, 1962 bis 2009. ZeS-Report Vol. 18, No. 2. Bremen: Zentrum für Sozialpolitik, Universität Bremen.
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Boehle, Mara und Christof Wolf (2012): Understanding time as socio-historical context: Analyzing social change within the framework of multilevel analysis. GK SOCLIFE Working Paper Series 14/2012. Köln: Research Training Group, Universität Köln.
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